Stress ist allgegenwärtig. Ausschlaggebend ist, WIE wir Stress wahrnehmen. Denn das bestimmt, ob wir uns geistig und körperlich stark oder schwach fühlen.
Dr. Alia Crum, Leiterin des Mind and Body Lab der Stanford Universität zeigt im Gespräch mit Andrew Huberman im Huberman Lab Podcast, wie unsere Denkweisen (Mindsets) die physischen und psychischen Auswirkungen von Stress beeinflussen.
Stress-Mindset: Bedrohung oder Chance?
Beim Stress unterscheidet Crum zwei Denkweisen:
- Stress ist schädlich: “Stress macht mich krank, müde und schwach.”
- Stress ist förderlich: “Stress hilft mir, besser und leistungsfähiger zu sein.”
Wenn du Stress als Gefahr siehst, hast du Angst, dass du erschöpft bist, und versuchst, ihm zu entkommen.
Aber wenn du Stress als Chance siehst, willst du ihn nutzen, um zu wachsen.
Das ist kein bloßes Spiel im Kopf – es verändert tatsächlich, wie Körper und Geist reagieren. Ein positives Stress-Mindset macht uns fokussierter und vitaler – mit messbaren Effekten auf Gesundheit und Leistung.
Die Macht der Gedanken
Crum verweist auf Studien, die zeigen, wie stark unsere Denkweisen den Körper beeinflussen. In einer Untersuchung mit UBS-Mitarbeitern während der Finanzkrise 2008 wurden Teilnehmer in drei Gruppen eingeteilt:
- Eine Gruppe (1) sah Videos, die Stress als schädlich darstellten,
- eine andere Gruppe (2) sah Filme, die Stress als förderlich präsentierten,
- und eine Gruppe (3) erhielt keine Videos.
Die „förderlich“-Gruppe (2) sah ein 9-Minuten-Video über die positiven Aspekte von Stress. Die Teilnehmer dieser Gruppe zeigten danach signifikant weniger körperliche Stresssymptome wie z.B. Rückenschmerzen oder Schlaflosigkeit. Sie fühlten sich auch besser bei der Arbeit.
Eine andere Studie war mit Navy SEALs. Diejenigen, die Stress als etwas Gutes sahen, haben ihr Training besser geschafft und waren beliebter bei ihren Kollegen.
Physiologisch messbar war u.a. ein geringerer Cortisolspiegel – Cortisol ist ein Indikator für Stress.
Wir sehen: Unsere Gedanken können Stresshormone lenken und den Körper auf Stärke programmieren.
Denkweisen und genetisches Risiko
In einer anderen Studie – abseits vom Thema Stress – untersuchte Crum, wie Informationen über genetische Risiken unsere Physiologie beeinflussen.
Die Teilnehmer erhielten zufällig zugeteilte Ergebnisse über ein Gen, das mit Fettleibigkeit und Trainingsreaktionen verknüpft ist.
Eine Woche nach einem Laufband-Test wurden die Probanden informiert, ob sie „risikobehaftet“ oder „geschützt“ seien – unabhängig von ihrem echten Genotyp.
Wer glaubte, „risikobehaftet“ zu sein, zeigte schlechtere Stoffwechsel- und Atemwerte als zuvor, während vermeintlich „Geschützte“ besser abschnitten.
Das zeigt, dass die Denkweise allein – und nicht die tatsächliche Genetik – die körperliche Leistung verändert hat.
Die häufig gehörte Aussage: “Das liegt bei uns in der Familie, ist also genetisch bedingt.”, verliert durch diese Ergebnisse an Gültigkeit. Anstelle des Ausgeliefertseins an die Umstände tritt Eigenverantwortlichkeit.
Stress neu denken: Denkweisen sind veränderbar
Denkweisen sind nicht starr und in Stein gemeißelt. In der UBS-Studie reichte eine kurze Intervention, um die Denkweisen in Bezug auf Stress zu verändern – mit langfristigen Effekten.
Crum entwickelte einen dreistufigen Ansatz zum förderlichen Umgang mit Stress:
1) Stress anerkennen (Zugeben, gestresst zu sein: Ja, ich bin gestresst.),
2) Stress willkommen heißen, da er mit Dingen verbunden ist, die uns wichtig sind, und
3) Stress nutzen, um unsere Ziele zu erreichen.
„Wir haben Stress, weil uns Sachen nicht egal sind“, sagt Crum. Statt Stress zu bekämpfen, können wir ihn als Signal dessen sehen, was uns am Herzen liegt.
Dieser Ansatz entzieht dem Stress das dramatische, ohnmächtige Element.
Wer Stress als Wachstumschance sieht, erlebt mehr positive Emotionen und weniger körperliche Belastung.
Stress im Alltag – von der Last zum Antrieb
Im Podcast erzählt Crum, dass wir aufgrund unserer kulturellen Prägung Stress als Feind betrachten.
Doch die Forschung zeigt auch: Stress kann den Fokus schärfen, die Informationsverarbeitung beschleunigen und sogar Muskeln und Neuronen stärken.
Ein Beispiel aus der Pandemie: Wer Stress als Katastrophe sieht, fühlt sich überfordert. Wer ihn als Möglichkeit zur Neuorientierung nutzt, wächst daran.
Stress ist weder gänzlich schlecht noch ausnahmslos gut, sondern ziemlich komplex.
Unsere Denkweise hat jedoch einen entscheidenden Einfluss darauf, ob er uns schadet oder nützt.
Meditation und Achtsamkeit – Stress-Denkweisen entwickeln
Wie können wir unser Stress-Mindset ändern? Crum schlägt die Anwendung von Meditation und Achtsamkeit vor.
„Der erste Schritt ist, zu erkennen, dass wir unsere Denkweisen selbst wählen können“, sagt sie.
Meditation hilft, verinnerlichte negative Muster zu erkennen und zu durchbrechen.
Durch die Praxis von Meditation und Achtsamkeit können sowohl Ängste verringert, als auch Resilienz gestärkt werden.
„Es geht nicht um naives Positiv-Denken, sondern um eine hilfreiche Perspektive“, erklärt Crum. Regelmäßiges Meditieren und Visualisieren verankert eine neue Denkweise, die schließlich verinnerlicht wird.
Fazit: Die Kontrolle übernehmen
Gedanken sind ein mächtiger Hebel, der Stress nicht nur beeinflusst, sondern transformieren kann. Ein positives Stress-Mindset reduziert körperliche Beschwerden, steigert Leistung und fördert Gesundheit.
Stress wird dabei nicht geleugnet, sondern neu gedacht.
„Stress ist neutral – unsere Denkweise gibt ihm Richtung“, fasst Crum zusammen. Mit Hilfe von Meditation und Achtsamkeit können wir diese Richtung bewusst wählen. Wir können Körper und Geist auf Stärke und Zuversicht programmieren und Stress in einen Verbündeten verwandeln.
Wer Stress als Chance sieht, gewinnt Kontrolle.
Dieser Ansatz erinnert uns daran, dass wir nicht Opfer unserer Umstände sind, sondern Gestaltungsspielräume haben.
In stürmischen Zeiten wird es immer wichtiger, unsere inneren Kraftreserven zu stärken.
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